Fliegender Seemann

Die letzte Flamme (Kurzgeschichte über einen Kometen)

Ich war schon immer da.

Im ewigen Dunkel, zwischen den Sternen, wo Zeit sich dehnt und Raum atmet, kreiste ich – namenlos, ziellos. Ich kannte keine Richtung, keinen Zweck. Nur das leise Flüstern des Alls, ein Chor aus uralten Gesängen, war mein Begleiter.

Bis Er sprach.

Nicht mit Worten, wie ihr sie kennt. Es war ein Befehl, der durch meine Gesteinsschichten vibrierte, durch mein Herz aus gefrorenem Feuer und kosmischem Staub. Ich verstand sofort: Ich war nicht mehr nur Teil des Universums. Ich war jetzt Botschaft.

„Geh“, flüsterte Gott in das Gewebe der Existenz, „und erinnere sie.“

Mich durchströmte eine Kraft, die mir fremd war – ein Drängen, ein Ziel. Mein Kurs änderte sich, als hätte eine unsichtbare Hand mich ergriffen und auf die Erde geworfen wie einen göttlichen Pfeil. Ein Komet, sagen die Menschen, sei nur Stein und Eis. Aber sie irren. Ich denke. Ich fühle.

Und ich sehe.

Je näher ich der Erde kam, desto klarer wurden ihre Stimmen. Satelliten übertrugen Bilder, Radiowellen trugen Nachrichten – und ich lernte. Ich hörte, wie sie stritten. Wie sie rodeten, verbrannten, vergifteten. Wie sie Kriege führten um Dinge, die nicht mitgenommen werden können, wenn der letzte Atemzug getan ist. Ich sah, wie sie ihre Kinder in Mauern steckten und ihre Alten vergaßen. Wie sie den Himmel vernebelten und das Wasser schwarz färbten.

Aber ich sah auch anderes.

Lachen unter einem Baum. Ein Kind, das einen Schmetterling verfolgt. Alte Hände, die sich noch immer halten. Kunst auf Mauern. Worte, die heilen. Und für einen Moment – einen flüchtigen Moment – zögerte ich.

Was, wenn sie sich ändern könnten?

Was, wenn meine Flamme sie nicht verbrennen, sondern erleuchten sollte?

Ich raste weiter. Die Erde wuchs unter mir, ein blau-grüner Wirbel voller Widersprüche. Ich sah Menschen, die in den Himmel starrten, mich filmten, mich fürchteten. Ich sah, wie sie Berechnungen anstellten, wie sie diskutierten, ob ich sie treffen würde – oder nur knapp vorbeiziehe.

Doch ich wusste: Ich treffe. Denn das war mein Auftrag.

Noch eine Stunde.

In mir wuchs eine seltsame Traurigkeit. Ich war erschaffen, um zu erinnern – aber ich sollte vernichten. Konnte ich nicht flackern, heller als jeder Stern, ein letzter, wortloser Appell an das Menschsein?

Noch zehn Minuten.

Ich brannte bereits. Die Atmosphäre küsste mich mit Reibung, mit Licht. Die Welt unter mir schrie, Sirenen heulten, Menschen beteten. Es gab keine Zeit mehr.

Ich sandte einen letzten Gedanken durch das All, ein Echo zurück an Ihn:

„Wirst Du ihnen eine zweite Chance geben?“

Ich schlug auf.

Und wurde Licht.

Und vielleicht, nur vielleicht – Erinnerung.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert